EUROLATINO - Von der Popmusik zur Salsa

 

Enorm wichtig für meine eigene musikalische Entwicklung in der karibischen Musik war die Erfahrung mit den Perkussionsinstrumenten, sie bilden die Basis dieser Musik. La Clave, el Guiro, el Torpedo, las Maracas, la campana, Bongo, Conga e Timbal sind die große Familie della musica caribe".

Ich erinnere mich wie ich mit meinen Vetter „Coco“ und „Hugo“ an unserer Haustür „la Avenida Grau 716“ in Barranco saß (dies ist die Straße, die von Chorillos nach Miraflores führt) und mit drei akustischen Gitarren Songs von „Crosby Stil & Nash“ und von „America“ sangen. Wir verfeinerten unseren mehrstimmigen Gesang, übten verstärkt das Liveprogramm und einige Zeit später stellten Coco und ich die Band zusammen, die dann im Sommer in los „balnearios“ Pucusana und San Bartolo unterwegs war.

Mit 17 Jahren hatte ich meinen ersten Auftritt in Barranco. Ich spielte an einem Sonntagvormittag vor 500 Zuschauern im Kino „Roma“; dies unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Argentinien, wo ich mit unserer großen Familie zusammenlebte und zwei Jahre zur Schule ging. 1968 war in Südamerika und in Spanien die große Zeit der „argentinischen Rockballade“. Das Typische waren die Endungen einiger Worte mit dem argentinischen Akzent „Che“ wie z. B. querés statt quieres („willst Du?“). Dieser Akzent war für mich nichts neues, da ich ja u.a. auch die Schule in Argentinien besuchte, so dass ich in der Lage war, bekannte Lieder der Gruppen „Los Gatos“ oder „Los Iracundos“ zu singen. Mit dieser Leichtigkeit begann ich mit 17 Jahren meine Karriere als Sänger. Ein weiteres Plus für meinen Gesang war, dass ich im Chor unserer Schule Pedro Ruiz Gallo in Chorrillos (einem Stadtteil von Lima) gesungen habe. Leider war mein Vater ein sehr konservativer Mann, er erlaubte mir nur als Hobby Musik zu machen. In dem Alter von 17 Jahren konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass der Lebensinhalt und das Lebensziel nur aus studieren, arbeiten, heiraten, Familie gründen und sterben bestehen würde „Oh Dios No !!“. Zwei Jahre in Buenos Aires, der Erfolg und mein erstes eigenes Schlagzeug haben mir gezeigt, dass man mit Courage auch andere Wege gehen kann.

Viele Jahre spielten wir in Lima und Umgebung mit unserer Band aus Barranco auf Partys, Fiesta de Promoción und Fiesta de Pre-promoción. (Jahresabschlussfeier der Schulen). Zwei tüchtige Geschäftsmänner kümmerten sich um die Organisation, die Finanzierung, das Bühnenoutfit und um die Reisen der Band. Durch die Band „Santana“ war in den 70er Jahren Latino-Pop in Mode gekommen. Wir waren als eingespielte und in der Besetzung nahezu identische Band in der Lage bekannte Songs wie „Samba pa´ ti“, „Oye como vá“, „Black magic woman“, „Sould Sacrific“ und „Jimbo“ zu covern. Es wäre traurig und armselig gewesen, wenn wir uns nur mit Disco- und Popmusik beschäftigt hätten. Vertrauen, Offenheit und Unterstützung öffneten unserer Jugend neue Türen; diesen Menschen bin ich bis heute sehr dankbar.

Für uns war es mit 18 oder 19 Jahren ein Traum jedes Wochenende zu spielen, einen Proberaum, diverse Bandkostüme, einen Fahrer und eigene Instrumente zu besitzen. Wir brauchten nur zum Soundcheck zu gehen, zu spielen und bekamen dann unsere Gage. Wenn ich mir überlege wie hart der Kampf für viele Musiker in Europa ist, kann ich nachvollziehen, warum vor allem Salsabands wenig live auftreten, da es an Unterstützung für die Live-Musikkultur mangelt.

Ein neuer Lebensabschnitt war der Beginn meines Architekturstudiums, was aber nicht die Leidenschaft wie Musik und Sport in mir weckte. Meine Eltern teilten nicht diese Meinung, so dass ich als Kompromiss für mein Leben eine Ausbildung zum Bankkaufmann begann. In der Bank konnte ich nicht wie auf der Bühne herumlaufen. Meine Haare mussten ab und ein diszipliniertes Leben sollte die Folge sein. Meine Familie war glücklich und zufrieden, „der anständige Sohn“ mit einer großen Zukunft; nur mich machte es unglücklich, so dass ich mich sehr zerrissen fühlte.


Limas Strand
Meine Zeit in Argentinien zeigte mir aber, dass der Aufenthalt im Ausland immer nützlich sein kann und man es für sein Leben nutzen kann. Ich entschied mich für Fußball, da u.a. die Mannschaft mit der ich trainierte auf sehr professionellem Niveau arbeitete. Zweimal spielte ich sogar im Stadium von Lima einmal vor 40.000 Zuschauern. Wir bestritten ein Vorspiel im "Estadio Nacional" bevor die peruanische Nationalmannschaft in einem Freundschaftsspiel gegen Polen antrat. Die Erfolge im Fußballsport brachten mich zu der Idee für ein Jahr nach Deutschland zu gehen und dort eine Trainerausbildung zu machen. Nach meiner Rückkehr wollte ich dann als Jugendtrainer bei großen Mannschaften wie „Universitario de Deportes“ oder „Sporting Cristal“ arbeiten, obwohl meine Lieblingsmanschaft „Alianza Lima“ ist.
Universitario de Deportes und auch Sporting Cristal sind Clubs, die damals im Sommer auch über einen eigenen Strandclub verfügten. Dort trainierten Jungs und Mädchen. Für mich war es immer sehr schön mit Jugendlichen zu arbeiten, so dass ich mir vorstellten konnte, nach meiner Rückkehr aus Deutschland und mit der entsprechenden Referenz in einem Club zu arbeiten, mit Glück vielleicht auch in den Clubs der High Society Gesellschaft wie „El Regatas“.Und so fängt alles an.

Mitte der 70.er Jahre hörte ich im Radio in Lima ein Lied mit Salsarhythmen von dem Sänger Ruben Blades aus Panama. Seit dieser Zeit konnte ich diese Musik nicht mehr vergessen, da sie anders war als die gewohnten ChaChaCha und Mambos von Musiker wie Perez Prado. Ruben Blades legte seine Schwerpunkte auch auf die textlichen Inhalte, die Menschen, veschiedene Standpunkte, soziale Brennpunkte etc. Sein Gesamtkonzept sprach vor allem die Jugend an. „Todo es segun el color del cristal con que se mira“, Ruben Blades war ein Meister der Salsaerzählungen. Seine Lieder wurden in New York geschrieben und vom Puertorikaner Willi Colon arrangiert und produziert. Ein Beispiel für die musikalischen Eigenarten Ruben Blades ist „Pedro Navaja“. Die historische Geschichte erzählt von einem Latino-Dieb, der durch die Bronx streift und bereit ist für Geld zu töten.
In einer Nacht überfällt er eine Prostituierte, die ihn zu seinem Pech in den Bauch schießt und gleichzeitig durch seine Messestiche umkommt.  Kurze Zeit später stolpert ein Betrunkener Mann über die beiden Leichen, nimmt sich das Geld und die Waffen. Während er durch die Straßen schlendert heißt es in dem Text: “La vida te da sorpresas, sorpresas te da vida ay Dios“. Viele Lieder von Ruben Blades gelten als Nationalhymnen der Salsa, z. B. „Chica Plástica“. Es ist eine Erzählung von einem Latinomädchen, was im Überfluß lebt und sich für Geld an die Amerikaner verkauft. Die Botschaft von „Chica Plástica“ ist, für Geld nicht alles zu tun und vor allem seine Seele nicht zu verkaufen.

Eine Anklage an die Politik der USA gegen die Lateinamerikaner war der Song „Tiburón“; ein Hai, der an der Küste Nachbarn terrorisiert und Menschen tötet. Seit dieser Zeit fällt mit der Musik von Ruben Blades der Begriff „Salsa für Intellektuelle“ wovon sich 1985 auch 500 Fans bei einem Konzert in Dortmund überzeugen konnte. Nicht gerade die Zuschauerzahlen wie Lateinamerika, aber für mich persönlich ist es Musik für die Ewigkeit.

 

All diese Geschichten brachte ich mit nach Europa und einige Zeit später gelang es mir, meine Vergangenheit einzuholen. Meine Leidenschaft und meine Persönlichkeit als Musiker sollte wieder in mein Leben treten.

Als ich dann nach Deutschland kam und die Sprache lernte wusste ich, dass es mein letzter Aufenthalt sein würde und eine Rückkehr nach Lima ausgeschlossen war. Die deutsche Sauberkeit und Pünktlichkeit gefallen mir sehr. Ich besuchte zwei Sportschulen in Hennef und machte meinen B-Schein als Fußballtrainer, um später an der Aufbauausbildung zum A-Schein in Barsinghausen teilnehmen zu können. Mein Weg als Fußballtrainer war jedoch genauso kurz und erfolglos wie meine bisherigen Ausbildungen.

Wenn man 30 Jahre alt ist und in keiner festen Beziehung lebt, verplant man seine ganze Zukunft nicht indem Land wo man gerade lebt. Dies war jedenfalls in meinem Fall so, da ich zweimal Deutschland verlassen wollte. Das erste Mal landete ich durch die Bekanntschaft einer netten Griechin (Sekretärin) in Griechenland. Sie eroberte mein Herz, und beim Anflug auf Athen war förmlich die Freude für die lateinamerikanische Musik überall zu spüren. Diese Musik verbindet Urlaub und Spaß. Die langen Sommernächten Athen zu genießen, all die Menschen und schönen Restaurants am Meer waren für mich wunderbare Momente. Aus den Bars und Restaurants hörte man auch die wundervollen Boleros wie „Besame Mucho“ oder „Sabor a mi“.

Mein zweiter Versuch Deutschland zu verlassen hatte ein viel weiteres Fernziel. Durch meine Tätigkeit in der peruanischen Botschaft lernte ich eine australische Lehrerin kennen, die während ihrer Zeit in Deutschland meine Freundin wurde. Ein Jahr später flog ich nach Melbourne, um sie zu besuchen. Jedoch war es anders als noch zu der Zeit in Bonn, so dass nur eine Freundschaft übrig blieb. In Australien leben viele Lateinamerikaner, vor allem Chilenen. Als ich Weihnachten 1992 in Melbourne ankam, lass ich in der Zeitung von einer peruanischen Silvesterparty mit Livemusik und von weiteren „Fiesta Latinas“. Leider hatte niemand Lust, mich auf einer dieser Partys zu begleiten, so dass ich bei Bier und Bratwurst mein Silvester zusammen mit Deutschen und Australier verbringen musste.

Ein unvergessliches Ereignis bleibt auch mein Urlaub vor 8 Jahren, wo ich mich mit meiner Frau entschloss, Weihnachten und Silvester in Tunesien zu verbringen. 2 Wochen in der traumhaften Stadt „Port el Kantaui“ im schönen Hotel Marhaba Palace. Im Gepäck hatte ich zufälligerweise meinen neuen Drumcomputer und meine Gitarre; gedacht hatte ich mir noch nichts dabei. Wir kamen am Hotel an, meldeten uns bei der Rezeption an und es gab gleich Interesse und ein Feedback für mich als Musiker.
Ich konnte jeden Abend zusammen mit der Hotelband, bestehend aus vier arabischen Musikern, auftreten.

Der Leiter der Band „Mounir“ war mit einer Engländerin verheiratet und hatte zwei Töchter. Mit ihm sprach ich englisch, die restlichen Musiker konnten neben arabisch nur französisch sprechen.Meine Frau wurde als Dolmetscherin eingespannt, da die Musiker sehr neugierig waren und Geschichten meines Lebens hören wollten. Wie gesagt, wir spielten jeden Abend zusammen und gaben in dem halbstündigenAuftritt Lieder wie „Girl from Ipanema“, „Besame Mucho“ und vor allem ein ChaChaCha mit dem Titel
„Quen Sara“ zum Besten.
Als sie mich fragten, ob ich diesen ChaCha-Titel kenne, war ich im ersten Moment ahnungslos. Sie sangen es mir vor, und dann war es mir klar, sie meinten „Quien Será“, wir konnten uns vor Lachen nicht mehr einkriegen.
Zwischen Mounir und mir entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft und musikalische Zusammenarbeit.Nach dem täglichen Spaziergang an der Küste, aßen wir zu Abend und ab 21.00 Uhr begann mein Auftritt mit der Band.Es sprach sich schnell herum, so dass auch Publikum aus den benachbarten Hotels ins Marhaba Palace strömte.

Bassist Monir aus Tunesien und Luis Molina

Ein lateinamerikanischer Musiker live in Tunesien, das war ein Erfolg für alle und so sangen und feierten wir immer zusammen mit Engländern, Italienern, Deutschen und natürlich den Tunesiern bis in die späte Nacht.

Der Hotelmanager beauftragte Mounir auch Weihnachten und Silvester mit mir zu spielen. Meine Gage sollte in Dinar ausgezahlt werden. Da man dieses Geld nicht mit ins Ausland nehmen konnte, kaufte ich mir eine schöne handgemachte Lederjacke.
Mit Mounir blieb ich noch ein gutes Jahr in Kontakt, bis ich dann von einem Freund hörte, dass er mittlerweile in Monastier spielt. Meine Bemühungen ihn zu Kontakten waren vergeblich, aber unsere gemeinsame Zeit bleibt für mich eine Erinnerung und ein Erlebnis für die Ewigkeit.


Copyright Luis Molina 2004